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1.-August bei der Swisscoy im Kosovo
Meine 1.-August-Rede bei den Schweizer Truppen
Am "Geburtstag" der Schweiz besuchte ich die Schweizer Truppen der Swisscoy im Kosovo sowie das Schweizer Detachement bei der EUFOR in Bosnien. Mit ihnen erlebte ich einen eindrücklichen Nationalfeiertag. Meine 1.-August-Rede im Schweizer-Camp "Casablanca" in Suva Reka, Kosovo, finden Sie hier:
> Die Rede als Download im PDF-Format ...
"Sehr geehrte Angehörige der Armee, meine Damen und Herren
Chers compatriotes, Mesdames et Messieurs
Cari amici Ticinesi, Signore e Signori
caras audituras ed auditurs, Ladies and Gentlemen
Let us celebrate Switzerland’s 717th birthday today. We are proud and grateful to be citizens of this safe and beautiful country. Happy birthday Switzerland!
It is an honor and pleasure for me to celebrate with you here in Suva Reka our national holiday and I would like to share some thoughts with you about the value and prize of independence, the use and abuse of national myths and legends, the current position of Switzerland in Europe and in the world and your mission here in Kosovo.
Nous sommes fiers de notre pays et de notre histoire et la fête nationale nous offre chaque année l’occasion de réfléchir à nos racines, nos traditions, notre identité mais aussi à notre avenir. La raison de fêter est dans presque tous les pays la même : l’indépendance. Mais quelle est la valeur de l’indépendance aujourd’hui et quelle est leur prix?
Spielt es eine Rolle ob wir – wie in der Schweiz - auf 717 Jahre oder – wie im Kosovo – auf 165 Tage Unabhängigkeit zurückblicken können?
Der 1. August als Nationalfeiertag – so schreibt mein ehemaliger Geschichtslehrer diese Woche in einer Zeitungskolumne – ist eine Erfindung des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Mit nachprüfbaren Fakten habe dieser nur am Rande zu tun.
Tatsächlich hatte in der Zeit der Bildung von Nationalstaaten die Einführung von Nationalfeiertagen eine besondere Bedeutung, wollte man doch eine gemeinsame Identität schaffen, nationale Mythen pflegen und damit ein Zusammengehörigkeitsgefühl erreichen.
I miti e le leggende storici sono importanti per uno stato. Specialmente per la Svizzera, il Kosovo e la Bosnia, in cui esseri umani di differenti lingue, culture e religioni vivono insieme.
Historische Mythen und Legenden bergen aber auch die Gefahr politisch instrumentalisiert zu werden.
So sorgt derzeit ein Buch von Professor Sablonier mit dem Titel “Gründungszeit ohne Eidgenossen. Politik und Gesellschaft in der Innerschweiz um 1300“ für viel Furore. Die historische Aufarbeitung der Gründungszeit der Eidgenossenschaft verleitet die Zeitungen zu Schlagzeilen wie „1291 war nichts“, oder „Die Schweiz ohne Eidgenossen“ oder „Auch die Urschweiz gab es nicht“. Und so sieht sich nun Prof. Sablonier mit Fragen konfrontiert wie „Wollen Sie den 1. August abschaffen?“ oder „Gönnen Sie uns das Rütli nicht?“
Wer sich mit dem Jahr 1291, dem Rütlischwur und Wilhelm Tell auseinandersetzt erkennt bald, dass wir es mit es mehr mit politischer als mit wissenschaftlicher Geschichtschreibung zu tun haben. Sie hat jedoch Eingang in unsere Geschichtsbücher gefunden und viele Schulklassen und letztes Jahr auch die Bundes- und Nationalratspräsidentin aufs Rütli geführt.
Die Berner wollten 1891 die 700-Jahr-Feierlichkeiten der Stadt Bern mit den 600-Jahr-Feierlichkeiten der Eidgenossenschaft zusammenlegen, und das ist ihnen – wahrscheinlich dank ihrer legendären Überzeugungskraft offensichtlich gelungen. Kurzerhand legte der Bundesrat das Jahr 1291 neu als Gründungsdatum fest, womit nun auch die Schweiz einen Geburtstag besass und erst noch ein europäisch einzigartiges – ja sozusagen biblisches – Alter.
Schwierig war das nicht zu belegen, denn aus der Zeit zwischen 1251 – 1386 stammen Dutzende Dokumente, die Bündnisse im Sinne des Bundesbriefs belegen. Doch diese Bündnisse wollten nicht etwa die Unabhängigkeit der Waldstätte von den Habsburgern erringen, sondern vielmehr die bestehende Herrschaftsordnung unter dem Einfluss der einheimischen Adelsfamilien, Klöster und Führungsgruppen sichern. Das ist menschlich, denn wer war damals und ist heute bereit auf errungene Einflussnahme zu verzichten? Diesen Reflex und Versuch zur Absicherung von Herrschaftsverhältnissen finden Sie gerade hier auf dem Balkan überall – im Kosovo, in Bosnien aber auch im benachbarten Serbien – und wir kennen auch die schlimmen Folgen davon.
Bei den Bündnissen in der Innerschweiz um 1300 ging es also nicht um einen Kampf für Unabhängigkeit und Freiheit, sondern vielmehr um die Absicherung des Status quo.
Doch Friedrich Schiller vermittelt uns mit dem Rütlischwur der drei Eidgenossen und dem Tyrannenmörder Tell ein ganz anderes Bild. Der deutsche Dichter hat der Schweiz mit seinem revolutionären Werk den Nationalhelden erschaffen. Mit Wilhelm Tell hat Schiller, der selber nie die Schweiz bereist hat, mehr zum historischen Mythos von Freiheit und Unabhängigkeit beigetragen als jeder Schweizer und jede Schweizerin vor und nach seiner Zeit.
Das Rütli und die Tell-Legende wurden insbesondere während des zweiten Weltkriegs für die Stärkung des Wehrwillens und für das Konzept der geistigen Landesverteidigung genutzt. So können nationale Mythen und Legenden politisch positiv eingesetzt werden, denn damals war die Schweiz als demokratische Insel von Feinden umzingelt, heute sind wir glücklicherweise von Freunden umringt. Mythen und Überlieferungen können aber auch negativ genutzt werden und verheerende Folgen haben.
Als die Schweiz Ende letzten Februar die Unabhängigkeit des Kosovos anerkannt hat, demonstrierten Serben in Zürich mit Plakaten: „Kosovo ist unser Rütli“.
Das Amselfeld – also der heutige Kosovo – begründet den serbischen Nationalmythos, der auf die Schlacht von 1389 zurückgeht als sich Osmanen und Serben bekämpften. Die serbische Seite wurde unterstützt von Bosniern und Kroaten – und man höre und staune – auch von Albanern, doch sie alle verloren die Schlacht und auch ihren serbischen Feldherrn. Dessen Märtyrertod wurde mündlich von Generation zu Generation überliefert und nachträglich zum Sieg in der Niederlage gedeutet. Auf dem Amselfeld soll das Gute über das Böse gesiegt haben.
Doch als 1989 in Berlin die Mauer niedergerissen wurde, der Kalte Krieg ein friedliches Ende fand und sich Perspektiven für ein ungeteiltes, gemeinsames Europa eröffneten, legte Slobodan Milosevic mit seiner nationalistischen Rede und der Verwendung dieser Legende anlässlich der 600-Jahr Feier der Schlacht auf dem Amselfeld die Saat für die späteren Kriege in Jugoslawien mit all ihren verheerenden Folgen für die Menschen in dieser Region.
Wir konnten als Kinder und Teenager unbeschwert in der Schweiz aufwachsen währenddem hier eine Generation durch den Krieg ihrer Jugend beraubt wurde. Die Wunden von Kriegen heilen nur langsam, und Narben bleiben für immer zurück.
Sie sehen das bei Ihrer täglichen Arbeit und tragen mit Ihrem Einsatz hier vor Ort ganz konkret dazu bei, dass die Wunden schneller heilen und dass die Menschen Hoffnung auf eine friedliche und bessere Zukunft entwickeln und ihr Schicksal wieder selber in die Hand nehmen wollen und können.
Die Unabhängigkeit jedes Staates hat nicht nur ihren Wert, sondern auch einen Preis. Dieser ist gerade in den jungen Staaten Ex-Jugoslawiens noch in frischer und schmerzlicher Erinnerung. Nach den Verlusten durch den Krieg ist jetzt der Preis für die Unabhängigkeit die Präsenz der internationalen Truppen und der internationalen Verwaltung. Dadurch soll die Region stabilisiert werden.
Auf den ersten Blick mag es in unseren Ohren vielleicht paradox klingen, wenn der Präsident Kosovos einerseits die Unabhängigkeit der Provinz ausruft und gleichzeitig deutlich macht, dass Kosovo die EU-Mitgliedschaft anstrebt. Die kosovoarische Hymne heisst Europa, und die Flagge strahlt in blau und gelb mit europäischen Sternen. Doch das ist kein Widerspruch, denn ein unabhängiger Kosovo hat nur eine Chance sich zu entwickeln wenn er mit der Staatengemeinschaft eng zusammenarbeitet und Zugang zum europäischen Binnenmarkt erhält.
Wenn in der Schweiz heute Höhenfeuer entzündet werden, die Nationalhymne erklingt und auf die bewegte Schweizer Geschichte zurückgeblickt wird, dann - meine Damen und Herren, mes compatriotes, Signore e Signori - feiert die Schweiz ihre Unabhängigkeit und erinnert sich an zentrale Werte und Fundamente unserer Staatsordnung, wie Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Diese sind aber noch nicht in der Schweiz um 1300 geboren worden, sondern konnten erst im liberalen Verfassungsstaat von 1848 verwirklicht werden. Bis zur rechtlichen Gleichstellung der Frauen in der Schweiz dauerte es dann noch einmal weitere 123 Jahre. Und an der tatsächlichen Gleichstellung der Frauen in unserer Gesellschaft arbeiten wir noch heute.
Auch die Schweiz bezahlt ihren Preis für die Unabhängigkeit. Obwohl wir uns gegenüber Europa und der Welt immer mehr geöffnet haben und obwohl uns die Öffnung mehr Sicherheit und Wohlstand gebracht hat sind wir nicht dort präsent wo wichtige Entscheide getroffen werden. Als Nicht-EU-Mitglied üben wir uns im autonomen Nachvollzug von europäischem Recht und versuchen die wichtigsten Themen bilateral zu verhandeln. Als Nicht-NATO-Mitglied sind wir dankbar um den faktischen Schutz der NATO und mittlerweilen im Rahmen der „Partnership for Peace“ eine Kooperation eingegangen. Als der KFOR-Kommandant mir heute sagte, dass die Schweiz zur „KFOR-Family“ gehöre war ich einerseits erfreut und andererseits realisierte ich, dass wir über die Jahre hinweg nicht nur Passivmitglied der EU, sondern auch Passivmitglied der NATO geworden sind.
Die Schweiz hat nicht mehr den Nimbus des kleinen Alpenlandes, das sich während Jahrhunderten mutig und erfolgreich gegen die Angriffslust und die Vereinnahmungspläne von Herrschern und Diktatoren zur Wehr setzen konnte.
Die Schweiz ist heute kein Sonderfall mehr in Europa. Wir teilen die europäischen Werte und haben viele gleich gelagerte Interessen wie die anderen europäischen Staaten. Deshalb wird auch von der Schweiz erwartet, dass wir unseren Teil zur Stabilisierung, zum Wiederaufbau und zur wirtschaftlichen Entwicklung Südosteuropas beitragen. Wir können nicht darauf warten, dass andere Staaten die aufwändige und langjährige Arbeit für uns erledigen. Vornehme Zurückhaltung ist in einer vernetzten Welt nicht gefragt, sondern verpönt. So dürfen weder Unabhängigkeit noch Neutralität als Vorwand dienen, um uns unserer Verantwortung zu entziehen.
Die Beteiligung an der KFOR mit der Entsendung der Swisscoy in den Kosovo und die Beteiligung an der EUFOR in Bosnien sind die mutigsten militärpolitischen Entscheide, die in der Schweiz in den letzten zehn Jahren gefällt wurden.
Deshalb freue ich mich und bin ich stolz darauf heute mit Ihnen den Nationalfeiertag zu begehen. Mit Ihnen, die sich freiwillig in den Dienst der Schweizer Armee hier im Kosovo zur Verfügung gestellt haben. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur Sicherheit und Stabilität hier vor Ort und tragen damit auch zur Sicherheit und Stabilität in ganz Europa bei. Mit Ihrem Einsatz nehmen Sie direkt an der internationalen Politik und somit auch an der künftigen
(Welt-)Geschichte teil.
Die Swisscoy ist die wichtigste Visitenkarte der Schweizer Armee im Ausland, und Ihre wertvolle Arbeit wird sowohl hier in der Region, als auch in der Schweiz aber auch von den anderen europäischen Staaten sehr geschätzt.
Weil dieses Engagement sowohl im Interesse der Schweiz als auch in jenem der Staatengemeinschaft liegt wird von der Schweiz erwartet, dass wir uns vermehrt an Ausland-Einsätzen beteiligen. Doch unheilige Allianzen im eidgenössischen Parlament und ein sich in Zurückhaltung übender Bundesrat verunmöglichten während der letzten Legislatur einen Ausbau der militärischen Ausland-Engagements. Dabei kann ich Ihnen versichern, dass sowohl seitens der Bevölkerung als auch der Politik Ihr Einsatz und generell das Peace-Keeping als sinnvoll anerkannt und als wertvoll erachtet werden.
To cut a long story short: You do the most valuable job in the Swiss Army.
Ich hoffe, dass Ihnen dies in jenen Momenten wieder bewusst wird, wenn sie einen Camp-Koller entwickeln, wenn Sie beginnen zu hinterfragen warum Sie ein halbes Jahr Ihres jungen Lebens freiwillig in einen militärischen Auslandeinsatz investieren oder wenn Sie ihre Familie, Freunde oder die kulinarischen Annehmlichkeiten der Schweiz wie Raclette, Rösti und Cervelats vermissen. (Dass es auch in Casablanca Fondue gibt weiss ich seit meinem Besuch hier im Mai.)
Sie und ich, wir gehören zu jenen glücklichen Generationen, die nie Krieg in unserer Heimat oder in unserer unmittelbaren Umgebung erlebt haben. Dank Ihrem Einsatz soll die Erfahrung des Friedens, der Freiheit, der Chancen und Möglichkeiten und des Willens zur Vermehrung des Wohlstands auch der jungen Generation hier im Kosovo zugute kommen. Sie geniessen aber auch das Vertrauen der älteren Generation, die Diktatur, Aggression, Krieg und Vertreibungen – also für uns nicht nachvollziehbares menschliches Leid – erfahren hat. Auch diesen Menschen geben Sie mit Ihrer täglichen Arbeit Hoffnung. Hoffnung, auf dass sie ihren Lebensabend in einer friedlichen Umgebung erleben können und Hoffnung, dass ihre jungen Familienmitglieder in eine bessere Zukunft, in eine Zukunft der Unabhängigkeit, aber auch in eine europäische Zukunft blicken können.
Die junge Generation kann in Europa viel bewirken – z.B. als junge Verantwortungsträger in der Armee, die hier im Kosovo einen wertvollen und geschätzten Einsatz leisten, oder als gewählte politische Mandatsträger, die innen- und aussenpolitisch neue Brücken bauen oder als junge Wissenschafter, die sich mit anderen Forschern europäisch und international vernetzen oder als junge Unternehmer, die das Potential aufstrebender Staaten erkennen und neue Märkte erschliessen.
Nehmen wir also diese Chancen wahr und engagieren wir uns in den Bereichen, die uns am nächsten liegen – sei es im Beruf, in der Armee, Politik, Kultur, im Sport oder im Vereinsleben. Hauptsache ist, dass wir alle einen Beitrag an unsere Gesellschaft leisten. Zu Hause in der Schweiz oder hier im Ausland.
Ich wünsche Ihnen weiterhin eine gute Zeit hier im Kosovo mit vielen spannenden Begegnungen, guter Kameradschaft und bleibenden Freundschaften und hoffe, dass Ihr Interesse am Zeitgeschehen und an der internationalen Politik erhalten bleibt.
Ich danke Ihnen herzlich und mit Respekt für Ihren Einsatz, den Sie hier leisten und: Danke! Merci! Grazie! Grazcha! Thank you!
Schönen ersten August! And have a good party – maybe even in the bar 402."

